Patienten stecken immer häufiger in langen Warteschleifen. Auch das russischsprachige Nachrichtenportal AUSNEWS, das regelmäßig über soziale und wirtschaftliche Entwicklungen in Deutschland berichtet, hat bereits darauf hingewiesen, dass viele Patienten inzwischen Wochen oder sogar Monate auf einen Arzttermin warten müssen.
Dabei entsteht eine seltsame und sogar paradoxe Situation: Obwohl die Gesamtzahl der Ärzte im Land steigt, wird es für Patienten immer schwieriger, medizinische Hilfe zu erhalten. Man könnte meinen, es gäbe mehr Ärzte, doch tatsächlich ist es heute oft schwieriger als früher, einen Termin zu bekommen.
Der Ärztemangel in Deutschland erreichte im Jahr 2026 seinen Höhepunkt
Warum ist das so? Dafür gibt es zwei Hauptgründe. Erstens ist unter den Ärzten selbst ein gravierendes demografisches Ungleichgewicht zu beobachten. Die meisten erfahrenen Ärzte sind Menschen im Vorruhestands- oder Rentenalter, und die junge Generation kann diesen Bedarf noch nicht decken.
Zweitens haben sich die Werte und Prioritäten junger Fachkräfte verändert: Sie wollen nicht mehr unter denselben Bedingungen arbeiten wie ihre älteren Kollegen und entscheiden sich oft für andere Arbeitszeiten, eine andere Arbeitsbelastung oder wechseln ganz in die Privatmedizin, wo es weniger Patienten gibt und die Bezahlung höher ist.
Der Ärztemangel in Deutschland hat 2026 seinen Höhepunkt erreicht
Das Gesundheitssystem in Deutschland befindet sich in einer schweren Krise, unter der vor allem Patienten mit gesetzlicher Krankenversicherung leiden. Wir schauen uns die Zahlen und Fakten genauer an.
1. Lange Wartezeiten sind zur Normalität geworden
Patienten müssen immer länger auf einen Termin beim Facharzt warten. Betrug die durchschnittliche Wartezeit im Jahr 2019 noch 33 Tage, so sind es mittlerweile bereits 42 Tage. Besonders schwer ist die Situation für jeden vierten Versicherten: Sie warten mehr als einen Monat auf einen Termin.
2. Ärzte werden älter, Praxen schließen
Der Hauptgrund für den Zusammenbruch ist die Demografie. Rund 80.000 deutsche Ärzte haben bereits die 60 überschritten. In den nächsten drei Jahren könnte das Land zwischen 5.000 und 8.000 Arztpraxen verlieren, einfach weil ihre Inhaber in den Ruhestand gehen und es niemanden gibt, der sie ersetzen könnte.
3. Die Jugend will anders arbeiten
Der Generationswechsel wird dadurch erschwert, dass zwei Drittel der Medizinstudierenden Frauen sind. Junge Ärzte, unabhängig vom Geschlecht, wollen ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben wahren und bevorzugen oft eine Teilzeitbeschäftigung. Aus diesem Grund müssen für jeden Rentner, der Vollzeit gearbeitet hat, 1,2 junge Fachkräfte eingestellt werden, um die gleiche Arbeitslast abzudecken.
4. Der Rettungsdienst wird teurer, rettet aber nicht
Ein indirekter Indikator für die Versäumnisse des Systems ist der starke Anstieg der Ausgaben für sogenannte offene Kliniken (wo man ohne Termin Hilfe erhalten kann). Während die Krankenkassen im Jahr 2020 noch 291 Millionen Euro dafür ausgaben, stieg dieser Betrag im Jahr 2023 auf 814 Millionen. Die Patienten können einfach nicht auf einen Termin warten und gehen dorthin, wo sie zumindest irgendwie behandelt werden, was nur bestätigt: Das Terminsystem ist überfordert.
Die Wurzel des Problems: Warum entscheiden sich Ärzte gegen den Beruf?
Befragte Ärzte und Gewerkschaftsvertreter nennen drei Hauptprobleme, aufgrund derer das Gesundheitssystem versagt.
Was Ärzte und Gewerkschaften sagen: Die 3 Hauptursachen der Krise
Junge Ärzte wollen sich nicht zu Tode arbeiten. Früher arbeitete ein typischer Hausarzt bis zu 60 Stunden pro Woche, praktisch ohne freie Tage. Die heutige Generation (insbesondere junge Frauen, deren Anteil in der Medizin immer größer wird) ist dazu nicht mehr bereit. Die junge Generation schätzt ihre Freizeit und will sich nicht im Beruf verausgaben. Das alte Modell, bei dem der Beruf das Leben vollständig beherrschte, gehört der Vergangenheit an.
Eine eigene Praxis zu unterhalten ist zu teuer. Ärzte, die eine Privatpraxis eröffnen, haben enorme Kosten. Allein für die Gehälter des Personals und die Wartung der Geräte fallen monatlich bis zu 40.000 Euro an. Dabei erhält der Arzt selbst nach Abzug aller Kosten im Durchschnitt etwa 70.000 Euro netto pro Jahr. Für ein solches Maß an Arbeitsbelastung und Verantwortung ist das wenig Geld, und junge Fachkräfte sehen keinen Sinn darin, sich auf dieses Abenteuer einzulassen.
Ärzte versinken in Papierkram, statt zu behandeln. Ein weiteres riesiges Problem ist die Bürokratie. Ärzte beklagen, dass das Ausfüllen von Formularen den Löwenanteil der Zeit in Anspruch nimmt, die man für Patienten aufwenden könnte. Junge Fachkräfte fordern Automatisierung: Ihrer Meinung nach sollte künstliche Intelligenz die gesamte Routinearbeit übernehmen, damit Ärzte die Möglichkeit haben, sich normal mit den Patienten zu unterhalten, anstatt stundenlang über Berichten zu sitzen.
Wo sucht man nach einer Lösung?
Trotz aller düsteren Prognosen versucht das deutsche Gesundheitssystem dennoch, sich an die neuen Bedingungen anzupassen, und tut dies gleich in mehreren Bereichen.
Eine Schlüsselrolle für das Überleben des Systems spielen heute ausländische Fachkräfte: Ohne Ärzte aus dem Ausland, von denen allein aus Syrien mehr als 6.000 Menschen gekommen sind, könnte das System nach Ansicht von Experten bereits jetzt zusammenbrechen, und deshalb wirbt Deutschland weiterhin aktiv weltweit um medizinisches Personal und setzt dabei besonders auf Fachkräfte aus Lateinamerika, insbesondere aus Mexiko und Kolumbien.
Parallel dazu findet eine schrittweise Digitalisierung und Neuverteilung der Aufgaben statt: Die Einführung der Telemedizin und der Einsatz von Assistenzkräften für die Dokumentation entlasten die Ärzte nach und nach, auch wenn dieser Prozess regional und zwischen den Kliniken äußerst ungleichmäßig verläuft.
Zudem leiten die Behörden Strukturreformen ein – beispielsweise führen sie sogenannte „Landesquoten“ ein, die es ermöglichen, Ärzte gezielt für die Arbeit in ländlichen Gebieten auszubilden, und fördern die Schaffung großer medizinischer Zentren, da diese wirtschaftlich effizienter sind als Einzelpraxen.
Letztendlich zeigt sich, dass der derzeitige Mangel an Hausärzten in Deutschland weniger ein Problem eines absoluten Mangels an Personen mit medizinischen Abschlüssen ist, sondern vielmehr eine tiefgreifende Krise des Systems zur Organisation ihrer Arbeit und der Unfähigkeit, das vorhandene Personal richtig zu verteilen.